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Geschichte von der Schlange
In der Nähe eines Felsens vor einem Dorf lebte einmal eine giftige Kobra. Dieses Reptil hatte schon viele Kinder des Dorfes getötet; es war aber so listig, dass jeder Versuch der Dorfbewohner, es zu erschlagen, misslang. Schließlich suchten die Dorfleute in ihrer Verzweiflung einen Heiligen auf und flehten ihn an: „Heiliger Meister, bitte bewirkt durch eure geistige Kraft, dass diese Schlange damit aufhört, unsere kleinen Kinder zu töten!“
Der Heilige versprach, ihrem Wunsch nachzukommen, und näherte sich dem Ort, wo die Schlange hauste. Er lockte sie durch die magnetische Kraft seiner Liebe hervor und gebot ihr: „Hör zu, o Schlange! Von nun an wirst du keinen meiner lieben Dorfbewohner mehr mit deinen Giftzähnen töten, sondern Gewaltlosigkeit üben!“ Die Schlange senkte den Kopf und versprach es.
Kurz nach diesem Vorfall ging der Heilige auf eine Pilgerfahrt und kehrte erst nach einem Jahr wieder in sein Dorf zurück. Als er an dem Felsen vorbeikam, wo die Schlange hauste, wollte er sich davon überzeugen, dass diese ihr Versprechen gehalten hatte. Als er Ausschau nach ihr hielt, sah er sie zu seiner großen Bestürzung schwer verwundet in einer Blutlache liegen.
Als er sie fragte, wie das geschehen sei, antwortete die Schlange mit zitternder Stimme: „Heiliger Lehrer, weil ich eure Lehre befolgt habe, erlitt ich sieben Wunden in meinem Rücken, denn seit die Dorfkinder herausgefunden haben, dass ich harmlos bin, bewerfen sie mich jedes Mal, wenn ich auf Suche nach Nahrung bin, mit Steinen. Obwohl ich so schnell, wie ich nur kann, aus meinem Loch hinaus und hineinschlüpfe, bin ich dennoch schwer verletzt worden. Zuerst, o Meister, sind sie bei meinem Anblick geflohen, jetzt aber, weil ich eure Lehre der Gewaltlosigkeit befolge, muss ich vor ihnen fliehen.
Da streichelte der Meister den Rücken der Schlange und heilte sie. Dabei aber schalt er sie gutmütig und sagte: „Du kleine Närrin, ich habe dir nur verboten zu beißen; warum aber hast du nicht gezischt?“
(aus: Prisca Gloor Maung: Scheiden tut auch Kindern weh, Herder Spectrum)