Zeichen der Macht
Vor so langer Zeit, dass es nicht mehr wichtig ist zu wissen, wie lange, lebte einst ein großer König. Der war nicht groß, weil er so weise gewesen wäre, so mutig oder so ein guter König. Der war nur groß, weil er so mächtig war. Mächtig war er nur, weil er gefürchtet war. Gefürchtet war der König, weil er grausam war. Grausam konnte er sein, weil er so viele Soldaten hatte. Soldaten hatte er nur, weil er so reich war. Die Käuflichkeit der einen ist die Macht der anderen. Dieser reiche Herrscher also hatte viele, viele hunderte Sklaven, ein ganzes Volk von Sklaven. Über diese Menschen herrschte er mit Willkür, Grausamkeit und Hochmut. Er quälte sie, er ließ sie schuften, und manchmal schickte er sie auch nach seinem Gutdünken in den Tod.
Es war so Brauch in jenem Land, zu jener Zeit, dass der König einmal in jedem Jahr zu einem Wettstreit der Worte herausgefordert werden konnte. Nun war der König zwar weder weise, noch klug, noch gerecht, aber ein Meister der Worte. Unzählige Jahre waren vergangen, ohne dass es jemandem gelang, den ungerechten König in jenem Wettstreit zu besiegen. So sicher war sich der König seiner Macht, dass er folgenden Preis ausgesetzt hatte: wenn er besiegt würde, ließ er alle seine Sklaven frei, wenn er aber siege, verlöre der Herausforderer sein Leben. Nun hatten schon viele Jahre hindurch, viele mutige Menschen ihr Leben gelassen, in dem Versuch, den König zu besiegen. Der König war gewitzt, wortgewandt und hatte eine flinke Zunge. Er war den Umgang mit der Macht gewohnt, sprach mit lauter Stimme und war stets siegesgewiss. So brachte er jeden Gegner früher oder später zum Schweigen und damit vor den Henker.
Es kam, wie es kommen musste: in irgendeinem Jahr, als der König nach alter Tradition zum festgesetzten Zeitpunkt nach einem Herausforderer verlangte, meldete sich niemand. „Gibt es denn keinen, der es wagt, keinen, der mir gewachsen ist?“, fragt der König verächtlich in die Runde. Die Sklaven blickten zu Boden, und es schien, als werde der König gewinnen, ohne auch nur zu kämpfen. Die Angst der einen ist die Macht der anderen.
„So ist meine Macht also unbestritten, und es wird in diesem Jahr keinen Wettkampf geben?“, fragte er nochmals lächelnd. Er wollte sich schon abwenden, da sah er ganz hinten eine Hand, die sich aus der Menge erhob. Er winkte, die Soldaten sollten den Lebensmüden zu ihm bringen, der sich da meldete. Die Menge teilte sich, sie schoben jemanden nach vorne, und vor dem König standen zwei kleine Frauen. „Wer von euch will mich denn besiegen?“, fragte der Herrscher kopfschüttelnd. Da sah er, wie die eine Frau der anderen mit Gesten zeigte, was der König gesagt hatte. Die andere war also taub. Und eben diese zeigte auf sich selbst – sie sei es, die kämpfen wolle. Das verwirrte den Herrscher. „Wie willst du mit mir streiten, wenn du nicht sprechen kannst?“, fragte er sie. Die kleine Frau überlegte. … Dann gab sie ihrer Begleiterin einige Zeichen, und diese antwortete für sie: „Weder spreche ich deine Sprache, noch du meine, o König. Deshalb soll ich keines meiner Worte, keine meiner Gebärden verwenden, und du keine aus der deinen. So wird es gerecht zugehen unter uns. Zum Zweikampf lass uns Gesten austauschen.“ Der König stutzte, überlegte, dachte hin, dachte her und schließlich gab er sich mit verächtlicher Miene einverstanden. Der Wettstreit sollte Tags darauf sein. Der Herrscher ging in seine Gemächer und schlief wie ein Stein, ohne auch nur einen Gedanken an die seltsame kleine Frau zu verschwenden. Die Frau aber ging voller Sorge in ihre winzige Hütte und wälzte sich die ganze Nacht hindurch schlaflos auf ihrem Lager hin und her. Die Hoffnung aller, so klein sie auch war, würde ihr folgen. Sie hatte sich nicht gemeldet, weil sie einen Plan hatte, sondern weil sie das verächtliche Lächeln auf dem Gesicht des Königs nicht mehr ertragen hatte.
Am nächsten Tag versammelten sich alle Sklaven und alle Soldaten um den König und die Frau. Der König saß groß, mächtig und prächtig auf seinem Thron. Die Frau stand vor ihm. Dann schlugen sie den Gong, um den Beginn des Wettkampfes anzuzeigen.
Der König schaute die Frau an und machte eine Geste, mit der etwas vom Tisch gefegt wird. Sie schaute ihm trotzig ins Gesicht und machte eine Faust. Das schien den König zu verärgern. Er überlegte, dann zeigte er gebieterisch zwei Finger. Die Frau wich zurück und hielt dabei ihren Zeigefinger hoch. Der König kam in Verlegenheit, er runzelte die Stirn, er dachte nach, dann holte er aus seiner Tasche ein Stück altes trockenes Brot, das unter seinen Fingern schon zerbröselte. Die Frau blickte verwundert drein. Sie war verwirrt, griff in ihre eigene Tasche und zog heraus: ein Ei, das sie dem König hinhielt. Als dieser das Ei sah, schüttelte der den Kopf und gab sich geschlagen.
Die Freiheit aller Sklaven war gewonnen! Alle jubelten, ein großes Fest wurde gefeiert. Ein Fest, wie es nur Menschen in Freiheit und aus Freude feiern können!
Als sie aber die Frau später fragten, was geschehen sei, da meinte sie, sie könne nicht begreifen, wie sie den mächtigen Herrscher besiegt habe. Er habe ihr eine Ohrfeige angedroht. Um sich zu verteidigen, habe sie selbst die Faust gehoben. Dann hielt der grausame König beide Finger hoch, drohte ihr damit, ihr beide Augen einzudrücken. Sie aber habe ihm einen Finger entgegengestellt, um ihn aufzuhalten. Aus irgendeinem Grund zeigte er ihr dann sein Mittagessen, ein altes Stück Brot. Sie habe das zwar nicht verstanden, habe ihm aber auch ihres gezeigt – ein hartgekochtes Ei. Darauf habe der König sich geschlagen gegeben. Alle waren über die Maßen verwundert.
Als sie aber den entmachteten König fragten, erzählte er eine ganz andere Geschichte: „Ich habe mit der flachen Hand ausgeholt, um ihr zu zeigen, dass ich das ganze Volk hinwegwerfen könnte, wenn ich wollte. Sie aber hat ihre Finger zu einer Faust geballt und damit gesagt: wenn wir alle zusammenstehen, sind wir unbesiegbar. Dann habe ich – indem ich zwei Finger hob – gesagt, es gebe zwei Götter – ihn und mich. Sie aber hat – mit einem Finger und trotzigem Gesicht – stur behauptet, dass sie nur an einen glaube. Da habe ich ihr ein altes Stück Brot gezeigt, um zu sagen: dein Volk wird schwach werden, austrocknen und zerfallen. Da zog die Frau aus ihrer Tasche ein Ei und sagte mir: doch immer wieder neu geboren wird der Wunsch nach Freiheit. So hat sie mich besiegt.“
Als sie gingen und der kleinen Frau erzählten, was der König verstanden hattte, da meinte sie: „Unsere Angst hat seine Macht getragen. Aber seine eigene Angst hat seine Macht besiegt.“
(jüdisches Märchen, aus: Honigherz und Seidenstern, Märchen zum Vor- und Nachlesen, gesammelt von Frau Wolle, 3. Auflage 2010)
Diversity-Management
Wie in dieser Geschichte haben wir alle unsere inneren Bilder und damit verbundenen Emotionen zu Dingen, die wir hören und Situationen in denen wir uns befinden. Diese Bilder differieren umso mehr, je mehr wir unterschiedlich sind in Herkunftsland, Hautfarbe, Religion, Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Familienstand, Bildung, Einkommen, Berufserfahrung, Zugehörigkeiten etc.
Der Begriff "Diversity" kann mit "Vielfalt" übersetzt werden und soll all diese Unterschiede mit einem Begriff umfassen.
Diese Vielfalt, die wir durch das Zusammenleben verschiedener Kulturen in unserem Land besonders bunt tagtäglich erleben, auch durch Menschen mit besonderen Bedürfnissen, durch die immer größer werdende Anzahl älterer Menschen, und Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierungen, diese Vielfalt gilt es zu nutzen.
Als Bereicherung kann Vielfalt in Unternehmen nur dann erlebt werden, wenn mehrere Faktoren zusammenspielen:
1) Die persönliche Ebene: wenn ich Visionen habe, meine persönlichen Ziele kenne und eine realistische Wahrnehmung meiner Umgebung.
2) Die mentale Ebene: meine Sicht der Welt bestimmt mein Handeln, daher ist es wichtig, dass ich meine inneren Bilder laufend reflektiere, sie gegebenenfalls anpasse und verbessere in dem Bewusstsein, dass kein Mensch die Welt in ihrer Gesamtheit wahrnehmen kann, wir sehen immer nur "ein Stück vom Kuchen".
3) Die Ebene der gemeinsamen Visionen in einem Unternehmen: sie verbindet die MitarbeiterInnen durch das gemeinsame Ziel, das sie erreichen wollen, hier ist es besonders wichtig von Unternehmensseite her positive Aussagen zu treffen, um die aktive Mitarbeit auch in wirtschaftlich schlechteren Zeiten zu fördern, das Gefühl "ausgeliefert" zu sein zerstört jedes Arbeitsklima und führt letztlich ins Burnout.
4) Die Ebene der ganzheitlichen Zusammenhänge führt die vorher genannten Bereiche zusammen.
Eine Implementierung von Diversity-Management in Unternehmen kann nur top-down erfolgen. Gerne erarbeiten wir mit Ihnen Schritte zur Umsetzung.